Die ersten 100 Tage als Bischof: Interview mit Frank Schütte

Frank-Schutte

Hallo Frank, schön, dass wir dich interviewen dürfen. Du bist jetzt 100 Tage im Amt, obwohl man bei dir ja eher sagen müsste, Ämter! Einmal  als Pastor in Windhoek für unsere fünf Gemeinden im Kooperationsgebiet und einmal als Bischof der ELKIN (DELK) für ganz Namibia. Aber  erst mal das Wichtigste:

Wie geht es dir heute?

Danke, mir geht es gut, vielleicht etwas müde, aber im Grunde gut.

Wie wurdest Du, bzw. ihr  als Familie, hier in Windhoek aufgenommen? Habt ihr Euch
schon eingelebt, an alles gewöhnt, oder ist immer noch vieles ungewohnt?

Ich muss sagen, dass wir hier in Windhoek sehr herzlich empfangen und aufgenommen wurden. Als Familie haben wir uns auch  schon ganz  gut eingelebt. Im Haus stehen zwar noch einige nicht ausgepackte Kisten, aber wir fühlen uns sehr wohl im neuen Haus. Nina und die Kinder  haben sich auch schon gut in der Schule eingelebt und an das neue Umfeld gewöhnt. Trotzdem gibt es auch Tage, an denen es sich nicht  ganz echt anfühlt, dass wir jetzt wirklich in Namibia sind und hier auch, so Gott will, auf längere Zeit bleiben. Grad neulich als wir für ein paar Tage in Swakop waren, sagte unsere Tochter: „Papa, wenn wir wieder nach Hause fahren, denke ich, dass wir nach East London fahren und  nicht nach Windhoek.“ Das heißt, es wird wohl noch etwas Zeit brauchen, bis wir hier ganz angekommen sind.

Was gefällt dir an Namibia  bisher am besten?

Der leckere deutsche Aufschnitt, das gute Brot, das Eis von Ice & Spice in Swakop und dass es hier, im Gegensatz zu Südafrika,
kein „load shedding “ gibt… Nein, Spaß beiseite beiseite! Es gibt hier echt Vieles, was mir gefällt, wie zum Beispiel die Nähe zur Natur; die Stachelschweine, die nachts auf unserem Grundstück nach Essen suchen, der Ruf der Schakale, den ich schon so manches Mal bei  Dunkelheit von unserem Haus aus hören konnte, oder das Wild, das man unterwegs neben der Straße sehen kann. Außerdem fühle ich mich  in Namibia auch ein Stück sicherer als in Südafrika und finde, dass die Menschen hier auch etwas gelassener sind.

Wenn wir mal auf die Tätigkeit hier bei uns in der Kirche schauen, gibt es eine Sache, die du vorher nicht wusstest und die dich total  überrascht hat?

Ja, es gibt einiges das ich nicht wusste, das ist aber immer so, wenn man von einem Ort oder von einer Kirche zu einer anderen wechselt. Gleichzeitig ist aber Vieles auch sehr ähnlich wie dort, wo ich herkomme. Dennoch hat mich eine Sache etwas überrascht und zwar, dass ich  mich kurz nach Beginn meiner Amtszeit schon gleich mit der möglichen Auflösung der Gemeinde Okahandja befassen musste. Das sind so  Dinge, die ich nicht gerne mache und ich hoffe, dass so etwas nicht zu bald wieder vorkommt.

Was ist das Außergewöhnlichste, was du
bisher hier gemacht hast?

Neben den Besuchen im Staatshaus zur Einführung unserer neuen Präsidentin und dem Besuch in Begleitung von anderen Kirchenleitern im Privathaus der Nujoma-Familie, um unsere Kondolenz im Namen der Kirche dort mit der Familie zu teilen, war für mich sicher das  Außergewöhnlichste, was ich machen musste, die Bibel halten bei der Konsekration der neuen Bischöfe der ELCIN, während sie ihr Gelübde  mit Hand auf der Bibel sprachen. Dabei war für mich nicht das Bibelhalten an sich das Besondere an der Sache, sondern eher, dass es dabei  die verrückte Situation gab, dass die finnische Bischöfin, die die Konsekration durchgeführt hat und ich, der ihr dabei assistierte, beide weiß  waren. Für mich war das ein schönes Zeichen dafür, dass Farbe kaum noch eine Rolle innerhalb der Kirche spielt.

Was macht dir am meisten Spaß bei deiner Arbeit?

Die große Vielfalt der Arbeit und die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen aus dem ganzen Land. Es gibt kaum einen Tag, der  wie ein anderer ist. Ständig treffe ich andere Menschen, bin tätig in verschiedenen Gremien, und trotzdem geht es überall um die gleiche  Sache, nämlich um die Kirche Christi und ihre Aufgabe im Hier und Jetzt.

Was war deine größte Erkenntnis in den letzten 100 Tagen?
Für mich hat sich die Erkenntnis bestätigt, dass egal wo, Kirche lebendig ist, wo es Gemeinschaft unter Christen gibt und wo Menschen  bereit sind, mitzuwirken und füreinander da sind. Wo Kirche nur noch als Dienstleister gesehen wird, die sich um ihre „Klub-Mitglieder“ zu  kümmern hat, dort geht die Kirche ein und Kirchentüren werden geschlossen. Egal ob groß oder klein, ob alt oder jung, modern oder  traditionell, dort wo zwei oder drei sich in Jesu Namen versammeln, da ist er mitten unter ihnen und da ist und bleibt Kirche lebendig.

Was hat dich positiv überrascht, seitdem du angefangen hast?

Mich hat, denke ich, positiv überrascht, wie offen und herzlich ich hier aufgenommen wurde und zwar nicht als Fremder, sondern eher als  einer von ihnen. Das hatte ich so nicht ganz erwartet.

Was hat dich eher enttäuscht bzw. vielleicht auch, was würdest du dir wünschen, was anders ist?

Das Resultat der Pastorenwahl innerhalb des Kooperationsgebietes hat mich sehr enttäuscht. Dass wir nach all der Vorbereitung und Arbeit,  die im Vorfeld geleistet wurde, am Ende leer ausgingen, das hatte ich mir auf jeden Fall anders gewünscht.

Wie erlebst du bisher die Aufteilung zwischen den Aufgaben in der Gemeinde und die Verantwortung für die Kirche im Land zu tragen?

Ganz ehrlich gehört das wahrscheinlich für mich zu einer der größten Herausforderungen. Auf der einen Seite freue ich mich, dass ich  beides, Gemeindepastor und Bischof sein darf. Als Pastor habe ich viel mehr Kontakt zu den Menschen vor Ort und kann dadurch auch auf  persönlicher Ebene besser Beziehungen knüpfen und pflegen. Auf der anderen Seite fühle ich mich dadurch oft etwas zerrissen. Ich kann  nicht beiden Ämtern gleichzeitig gerecht werden. Das ist mir bewusst und ich hoffe, dass mir dafür die nötige Weisheit gegeben wird, sodass  ich mit der Zeit einen guten Mittelweg finden werde, auf dem ich Gemeinde und Kirche dienen kann, ohne mich dabei selbst  auszubrennen.

Als Bischof bist du ja schon viel im Land und auch in den Gemeinden herumgekommen und warst bei einigen Gemeindeversammlungen und  Festen dabei. Wie würdest du den Zustand der Kirche auf einer Skala von 1 (sehr besorgniserregend) bis 10 (absolut sorgenfrei: alles perfekt)  bewerten.

Ja das stimmt. Ich habe schon einiges gesehen und erlebt, aber noch längst nicht genug, um den Zustand der Kirche auf einer Skala einzustufen. Außerdem bin ich eher ein positiver Mensch, wo manche das Glas schon mehr als halb leer sehen, da sehe ich es eher noch dreiviertel voll. Die Sache ist die, infast allen Kirchen der Welt gibt es Dinge, die
besorgniserregend sind und Dinge, die gut  laufen. Keine Kirche ist perfekt, das gibt es nicht. Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um?  Schauen wir nur auf das Negative, dann werden wir selbst negativ. Oder sehen wir eher auf das Gute und bauen dann darauf?

Jetzt stehen erst mal im Kooperationsgebiet aber auch in der Kirche einige personelle Veränderungen an. Was braucht es deiner Meinung  nach, damit die Veränderungen auch wieder Gutes mit sich bringen und damit das, was jetzt schon gut ist, gut bleibt? 

Mal ganz platt gesagt, meiner Meinung nach braucht es einfach nur ganz viel Vertrauen. Dabei kommt mir auch wieder der Vers in den Sinn,  den ich in meinem Grußwort in verschiedenen Gemeinden bei den Gemeindeversammlungen zitiert habe: „Denn ich weiß wohl, was ich für  Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“  (Jeremia 29,11)

Veränderungen machen uns oft unsicher und manchmal auch ängstlich, aber wenn wir zusammenstehen und darauf vertrauen, dass Gott es  gut mit uns meint, dann werden diese Veränderungen auch etwas Gutes mit sich bringen. Ich sage nicht, dass es immer einfach sein wird, es  könnte auch richtig unangenehm werden, aber mit all denen,die sich mit ganzem Herzen für die Kirche einsetzen, und davon gibt es so  einige, bin ich zuversichtlich, dass es am Ende gut wird.  

Das Synodenthema im Oktober lautet ja „DELK 2030“ und damit verbunden die Frage, wie sieht unsere Kirche in 5 Jahren aus? Jetzt frage  ich dich erst mal als Gemeindepastor für Windhoek: Wo siehst du die Gemeinde in Windhoek im Jahr 2030 und was wird bis dahin  geschehen, was soll oder muss gemacht werden? 

Ganz ehrlich, ich weiß es auch noch nicht so richtig. Ich denke, darum haben wir uns auchfür dieses Thema im Pfarrkonvent und in der Kirchenleitung entschieden, weil wir selber gar nicht genau wissen, wohin die Kirche geht und wohin sie gehen sollte, was geschehen oder  gemacht werden muss, sodass die Kirche lebendig und relevant bleibt. Ich bin also gespannt, was dabei rauskommen wird.

Und als Bischof: Wie denkst du, sieht unsere Kirche 2030 aus?

Wahrscheinlich nicht viel anders als heute, aber hoffentlich, wenn es uns auf der Synode gelingt, mit einem Ziel vor Augen, das dem Willen  Gottes für uns als Kirche hier in Namibia entspricht. Das hört sich vielleicht etwas fromm an, aber im Grunde sollte das doch immer unser Ziel  sein, Gottes Wille geschehe, nicht dein und mein Wille geschehe. Vielleicht heißt das erst mal alles ändern, oder auch gar nichts  verändern. Wie dem auch sei, für mich ist wichtig, dass wir als Kirche wissen, wozu wir stehen und dass wir uns weiterhin gemeinsam und  hoffnungsvoll auf den Weg in die Zukunft machen.

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern für die Monate Juli und August mitgeben möchtest?

Ja, sehr gerne. Erst mal möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die uns so lieb hier in Namibia aufgenommen haben. Deshalb  haben wir uns hier auch schon so gut einleben können. Und dann möchte ich gerne noch mit dem Monatsspruch für August abschließen:  „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge.“ (Apg 26,22) Mögen wir alle immer wieder  Gottes Hilfe in unserem Leben erfahren und seine Zeugen sein, als Kirche in diesem Land und als Christen im Alltag.

Frank, herzlichen Dank für deine Zeit und das Interview und Gottes Segen für die nächsten 100 Tage im Amt.

Sehr gern und danke für die Motivation, mal selbst ein wenig über meine ersten Monate hier bei euch nachzudenken.

Es riecht nach Frühling!
Die letzten Wochen - Altersheim Otjiwarongo